...sollte man meiner Meinung nach in vieles stecken.
Genau genommen, in alles. Bitte nicht falsch verstehen, man kann nicht immer und sollte nicht immer
sein Bestes geben (zum Beispiel bei der Salatsoße oder dem Einparken) aber, es ist doch so: in letzter Zeit kann man häufig beobachten, dass sich unterschwellig bis offensichtlich alles zweiteilt. Es gibt die Menschen, die ihre Freizeit dem Umweltschutz oder der Anarchie oder der Erlösung der Welt widmen. Sich politisch stark engagieren, vegane Restaurants eröffnen. Petitionen verfassen. Was auch immer.
Und es gibt die, die gar nichts machen (kein Engagement, keine Leidenschaft, kein Allgemeiner Nutz, kein Hobby...) und das auch noch wehement verteidigen. Zum Beispiel mit Argumenten der Philosophie.
Meine letzte zweigeschlechtliche Beziehung führte ich mit einem solchen Herren.
Und ich fand ihn äußerst anziehend. Die Coolness im Nichtstun gravierend faszinierend und die Argumente anfangs auch ziemlich einleuchtend. Fast schon mitreißend.
Und genau das halte ich für sehr gefährlich.
Der junge studierte Philosoph, nennen wir ihn Roman (das würde ihm bestimmt nicht gefallen), wusch
sich nur noch, wenn es wirklich sein musste. Räumte nur das Nötigste in seinem WG-Zimmer auf, aus
dem er natürlich nicht vorhatte, jemals wieder auszuziehen- und würde er darin irgendwann dreifach so alt
sein, wie die anderen WG-Mitglieder. Er ging nicht arbeiten und lebte von einem Kredit. Er wusste ja
auch nicht, was mit sich anzufangen. Denn entweder war er zu cool oder aber, nach Weiterspinnen seiner
philosophischen Gedanken, kam er zu dem Schluss, alles sei sinnlos.
Oft hat er mich in unserer Zeit gefragt, warum ich mich in dieses oder jenes so reinsteigere. Und ich schämte mich und dachte, das sei dumm.
Auch wollte er nicht, dass ich unsere „Beziehung“ zueinander
durch Romantik verkomplizierte oder zu nett zu ihm sei, denn das fordere seinerseits früher oder später
nur mehr Engagement. Und das sei ja sinnlos, denn letzten Endes tut der Mensch alles nur für sich selbst.
Anscheinend schloss er sich von dieser Gruppe, der Zugehörigkeit, aus und hielt sich für einen Übermenschen. Ich weiß es nicht, so weit hat er wahrscheinlich nicht darüber nachgedacht, wozu auch?
In dieser Zeit verkümmerte mein Herz und mein Herzblut drohte zu trocknen.
Ich sah zu, wie er seinen besten Freunden nicht beim Umzug half, mich nicht in den Arm nahm, wenn ich es bitter nötig hatte und er sich nicht um seine kranke Mutter kümmerte.
Wie er niemals jemanden tröstete oder lobte. Nie jemandem sagte, dass er ihn mochte. Nie zugeben
konnte, dass er einmal geliebt hatte. Und enttäuscht wurde.
Ich laß seine kalten Texte und erstarrte vor Ehrfurcht. Ich hörte seine Antistimmung gegen alles in seiner
Stimme und fühlte seine Distanz zu sich und allen Menschen dieser Welt, in allem, was er tat - oder besser gesagt,
nicht tat.
Alles was er sagte und jedes Argument gegen Tatendrang, Welt verändern und Hoffnung klang so richtig und echt.
Jede Begründung, warum keine Petition und kein Protest etwas an dieser Welt, oder der Situation in diesem Land ändern würde, klang sinnvoll. Ich konnte nichts tun,
außer meine Stimme
einzustellen und zu schweigen. Über seine Worte zu grübeln.
Und ihn für
wenigstens ehrlich zu halten.
Immer noch, heute, ein Jahr danach, wage ich nicht, ihm zu widersprechen. Dennoch habe ich meinen
Geist nie aufgegeben und kann wieder laut äußern, was ich denke. Und das ist folgendes:
Ich wünsche mir mehr Herzblut für alle.
Ich wünsche mir mehr Courage, Diplomatie, Vertrauen, Hoffnung, Aufruhr, Wut.
Ich wünsche mir mehr Tatendrang und Realisierung.
Mehr Offenheit. Die Leute sollen sprechen! Sagen, was sie bewegt (und wie immer wird man sehen, dass
man nicht alleine ist, mit dem, was man denkt).
Weniger Angst vor Blamage oder Rückschlag.
Scheiß doch drauf, ob man alles nur für sich selbst macht! Das spielt doch keine Rolle, solange man sich
gegenseitig Freude bereitet und hilft.
Ein Mensch allein, kann nicht sein.
Und selbst der coolste und unabhängigste Philosoph, wird zugeben, dass er sich ganz schön einsam fühlt,
so ohne Freunde, zum reden und philosophieren. Und dass DAS keinen Sinn macht. So allein abzuhängen und die Welt und ihre Bewegung und die Menschen und ihre Gefühle so
gleichgültig zu betrachten. Denn das macht auch nicht glücklich, stimmts Roman?
Roman hatte versucht
trotz seiner Einstellung eine Beziehung zu mir aufzubauen und ist an den Punkt gekommen,
an dem man mehr von sich hätte geben müsse. Mehr handeln, nehmen und geben. Aktiv werden
in einer zwischenmenschlichen Konstellation, in der man nicht nur Beobachter ist und sein kann.
Ich hatte versucht,
wegen meiner Einstellung, eine Beziehung mit ihm zu führen. Ihn lieb zu haben,
trotz seiner Kälte. Nichts von ihm zu verlangen, aus Egoismus. Der Ausgleich zu sein und die treibende Kraft.
Beide sind wir gescheitert.
Wir leben in der gleichen Welt und wir können das gut,
neben einander.
Aber vereinbar waren wir nicht.
Durch sein Verbot, mich in ihn zu verlieben, Erwartungen in ihn zu stecken und auf Entwicklung zu hoffen, hat er mir letztlich alles genommen, was ich habe.
Denn ist nicht auch das Leben und die Beziehung eines jeden einzelnen zu ihm, nichts anderes, als
es zu lieben oder es zu hassen. Erwartungen an seine Tage und seine Taten zu haben und auf Bewegung zu spekulieren?
Ich liebe Regen am Sonntag. Ich mag wuschelige Hunde und Singen beim Pfannkuchen backen.
Ich bin dankbar für aufmerksame Gesten und Liebesbekundungen. Ich mag die Sonne auf meiner Haut
und Ideen im Kopf. Ich empöre mich über die Politik und versuche den Umweltschaden durch meine
Lebensweise so gering, wie möglich zu halten. Ich achte auf die Gefühle anderer und schätze meine.
Ich glaube, ich habe die Wahl. Und ich glaube an meinen Willen, auch wenn mein Organismus voller Hormone ist. Mein Leben braucht keinen Sinn. Es soll Spaß machen. Und passiv rum zu sitzen und sich der Welt zu entziehen macht keinen.
Ich frage mich, wie diese Welt wohl aussehen würde, wären alle so passiv und vertrocknet und kalt, wie Roman...
Man muss kein fanatischer Aktivist sein, um lebendig zu sein.
Aber man sollte sich nicht dafür schämen, Herzblut für eine Sache, oder sein Leben zu geben.
Energie in die Umwelt, Politik, seine Mitmenschen, Tierschutz, was auch immer... zu stecken.
Auch, wenn jeder Mensch letzten Endes alles nur für sich selbst macht, letztlich einem immer alles selbst zu Gute kommt:
das ist die Welt. Und das ist das Leben. Mach was draus!
Füll deine Tage, anstatt sie still an dir vorbei ziehen zu lassen, um mit 90 irgendwann aufzuwachen
und zu merken, dass man alt ist und unbeweglich und vielleicht nur noch passiv allein zu Hause rum hängen kann.
Wieder Willen - 9. Sep, 13:08